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„Flaneur“ Eine Ein-fühlung in die (Urban) Safari

I

Da sitzt man nun an einem Samstag nachmittag. Das Radio trällert chillig Melodien, auf dem Schreibtisch lauert  gestapeltes, unbearbeitetes Papier- auf dem Regal lugen einige Ausgaben einer großformatigen Wochenzeitung und rufen „Lies mich“. Papier ist geduldig, also greife ich die Zeitung.

Und plötzlich steht es da, das Wort. Steht vor mir, in der Zeitung  bei Tee und Salzstangen, während im Hintergrund, durch das Fenster geschaut, die Wolken langsam den Himmel erobern. Träge Wolken, ein bisschen gedankenverloren. Wie ich in meinem „Home-Office“.

Das Wort grüßt freundlich: „Flaneur“.  Mit gedankenspazierender Muße betrachtet,  macht es neugierig.

“ Der Flaneur ist ein Mensch, der im Spazierengehen schaut, genießt und planlos umherschweift – er flaniert.“ ( Wikipedia)

rosler-leflaneur

Paul Gavarni, Le Flaneur, 1842

II Spurensuche

Hinter dem „Flanieren“  verbirgt sich eine  im Paris der   1830 er Jahren entstandene Gegenströmung zu der  immer schneller werdenden Industrialisierung der Hauptstadt Frankreichs

Die Wahrnehmung der Einwohner auf ihr Leben und ihre Umwelt wurde  im Zeitalter der Mechanisierung  schneller, diffuser , hektischer. Die französische Hauptstadt pulsierte im Takt der Wirtschaft und Wirtschaftlichkeit – der Moderne. Die  Menschen begannen, das Mittelalter hinter sich zu lassen,  und tauchten ein in eine neue Welt, die von  neuen Denkmustern und -strukturen beseelt war.

Dagegen wollten die Flaneure Zeichen setzen. Zu ihrer Zeit sorgten sie mit provokanten Aktionen für Aufsehen. In dem sie etwa mit einer angeleinten Schildkröte spazieren gingen, sich dem Rhythmus des Tieres anpassend durch die Stadt schlichen, und sich Zeit nahmen, dabei die Stadt neu zu entdecken. Ein Politikum ohne politisch zu sein. Der Flaneur wollte nie  ein „aktiv“ Politischer sein – eher einer, der seine Haltung den Dingen gegenüber vertritt.

Charles Baudelaire, französischer Schriftsteller dieser Epoche, war begeistert von der Erzählung „Der Mann in der Menge“ von  Edgar Allen Poe aus dem Jahr1838. Erstmals in der Literatur bekam „der Wanderer “ eine neue Aufgabe .. er wurde zu Voyeur und Detektiv gleichermaßen.

Baudelaire übertrug den Begriff auf Grundlage der Erzählung  nach Frankreich und verlieh dem Flaneur einen eher „dandyhaften  Charakter“.

Der Flaneur als burgeoise Gestalt- als „Figur“

„Er etablierte den Flaneur als literarisches Sujet, das von der Faszination für eine vollkommen neue Erfahrung von Stadt handelt. Plötzlich war es möglich, sich selbst frei zu entfalten und dabei gleichzeitig Teil einer Menge zu sein, einer Menschenmasse, die unheimlich sein kann, bevölkert von entwurzelten, getriebenen Wanderern, gleichzeitig aber auch Quelle und Ermöglicher eines neuen Abenteuers: der Anonymität und Individualität eines unbeaufsichtigten Lebens, wie es nur die Metropole erlaubte. Und in genau so einer Welt lebte Baudelaire – im Paris des 19. Jahrhunderts.“

Quelle- Klaus Lüther- „Spaziergang mit Kröte„- Goethe Institut

Ein  eher vom Umherschweifen und Faulenzertum  getriebener Beobachter, der  es als „schick“ empfand, ,  sich im öffentlichen Raum der Stadt zu bewegen und „eine Contra-Haltung“ gegen die typischen Zeichen der Stadt (Schnelligkeit, Anonymität..) darzustellen.

flaneur11Quelle:www.ruasmagazin.es

Walter Benjamin brachte „die Figur“ an die Universitäten und  in die Forschung, als Beispiel für „moderne Urbanität“ und „Entfremdung in den Städten“. Der „Held“  lebt in der Masse, decodiert Zeichen, nimmt wahr. Der öffentliche Raum wird zum Gegenstand der Untersuchung, die Einkaufspassagen  mit ihren Schaufenstern zum Spiegel der Gesellschaft. Der Flaneur liest in ihr. Er entschlüsselt die Zeichen  der Stadt, ihre Codes. Wissend und emotional. Mit allen Sinnen nimmt  er das Gefüge, mit seinen Gegensätzen, Unwegbarkeiten, Bedeutungen wahr.

“ Für Walter Benjamin ist der Flaneur Süchtiger und Melancholiker, Voyeur/Detektiv und Verdächtiger zugleich. Er interpretiert die Möglichkeiten des öffentlichen Raumes, die Langsamkeit ist sein Credo. Er ist ein Verächter der großen historischen Reminiszenzen, er erfühlt eher, als dass er spricht.“

Quelle: Claudia Taller -„Was ist ein Flaneur?

III 

Und heute? Wir nehmen neu wahr, bewegen uns in und zwischen  audiovisuell-virtuell-realen Medienwelten – warum nicht mit dem Habitus des Flaneurs?

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aus:“Guide to getting lost“/ The Flaneur Soceity

Im realen urbanen Raum hetzen wir,  gewiss schneller und getriebener. Noch  mehr Codes, die es zu entschlüsseln gilt, als sie im 19.Jahundert vorhanden waren. Zudem ist   mit dem virtuellen Raum eine „Anderswelt“ entstanden, die wir parallel  erwandern und  decodieren, oder aber  mit der realen Welt  verschmelzen lassen. Auch diese Welt lebt von Schnelligkeit, ihrer ständigen Informationsflut und brilliert durch ihre Netzwerke. Kann man in ihr „Stehen, Staunen und  Schauen“ ? Oder fühlt man sich nur noch „entfremdet“?

Claudia Taller gibt eine mögliche Definition:

„Den elektronischen Flaneur gibt es wie den Flaneur des 19. Jahrhunderts in den verschiedensten Ausprägungen: den Voyeur, der seine Schaulust in Chatrooms und auf Homepages stillt, den Melancholiker, den (Surf- oder Chat-) Süchtigen, den Einsamen.“

Quelle: Claudia Taller -„Was ist ein Flaneur?

„Den Wissensdurstigen und am Leben interessierten, der sich der Wahrnehmugen bedient , die ihm zur Verfügung stehen“ würde ich spontan ergänzen.

IV

Aha, denke ich, und nehme mir   die Zeit hinzuschauen auf die „Figur“ des Flaneurs  und was sie mit mir zu tun hat.

Einige Schlagwörter gefallen auf Anhieb. „Beobachten, Codes erkennen, die Botschaft hinter den Zeichen, neugierig-interessiert sein und dabei kritisch reflektiert wachsam bleiben.“

Doch Flanieren kann mehr, und kann  gewiss auch politisch sein.Ein Einfluß auf meine Lebenshaltung, die gewiss auch in diesem Blog ihren Niederschlag in zukünftigen Beiträgen findet.

 

The „Urban Elektro Safari“ begins

  •  mit allen Sinnen spürend, neugierig sein,  hinschauen und verstehen wollen.*
  • in Natur, urbaner, medialer und virtueller Umwelt
  • Zeit nehmen  für Wahrnehmungen, Zeit zum Entdecken, zum verzauberten oder kritischem  zerstreut sein darüber. Zeit zum „Knacken der Codes und verstehen der Zeichen.
  • Das subjektiv interpretierte in Text, Bild oder Ton festhalten, ohne es in Stein zu meisseln. Denn Leben ist ja im Fluss.

 

VI Quellen/Weiterlesen

Revierpassagen gibt einen guten Überblick in :  „Der Flaneur braucht kein Ziel

Das Goethe- Institut überblickt auch „Spaziergang mit Schildkröte

Die österreichische Schriftstellerin Claudia Taller geht dem Flaneur auf den Grund und beleuchtet  detailliert diver se Facetten: „Was ist ein Flaneur?

Orginaltexte

Der Mann der Menge“ von Edgar Allan Poe bei zeno.org

Heimliches Berlin“ von Franz Hessel im Projekt Gutenberg

Die Wiederkehr des Flaneurs“ von Walter Benjamin,  Projekt Gutenberg

 

Lektorat- Dorothea Müth , Danke schön !

 

 

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Dezember 3, 2016 · 5:20 pm

„Hurra, hurra(?) die Uni streikt“

I Die „Bildungselite“ streikt

Europas Studenten streiken. „Die Uni brennt“ heisst es aller Orten. Google Map sei Dank bekommen die Proteste gegen das verkorkste Bildungssystem an  den Hochschulen ein geographisches Gesicht.

Der Initiator der Karte entschuldigt sich auf seinem Blog: „…es könnte unübersichtlich werden“.Es werden immer mehr, es sind viele.

Am Dienstag hatte die Kultusminister-Konferenz in Leipzig getagt.

Erklärungsversuche der  Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz,Margret Wintermantel. das „heisse Eisen “  namrensds Bologna-Prozess abzukühlen. Fehler habe es bei der Umsetzung des Bologna-Prozesses ein.Erklärungsversuche am Dienstag im Deutschlandradio(audiostream öffnet sofort).

II Social media

Noch wichtiger als bei vergangenen Streiks erhalten die „social media Plattformen “ des www. eine tragende Rolle der Informationsverbreitung . Aus den Plattformen Twitter, Facebook, studivz wird aus den besetzten Hörsälen berichtet, aktionen bekanntgegeben und dokumentiert. Installierte Live-Kameras liefern Bilder der besetzung und des Alternativen Programmes, über das auf Plattformen wie UStream sogar zeitgleich mit den Besetzern gechattet werden kann.

III Das Beispiel Koblenz


An der Universität Koblenz wird seit Dienstag gestreikt. Der Audimax ist besetzt, ein alternattives Vorlesungsprogramm wurde absolviert, und täglich werden Vollbversammlungen gehalten.

Die Linkadressen rund um die dortigen Aktivitäten:

Bildergalerie der Rhein-Zeitung vom Mittwoch

Live Stream mit Chat und Twitter

Homepage der AK Streik

Follow on Twitter

IVweiter Links zu Artikeln etc.(last updated:28.11., 20:10)

a)allgemein

Netzwerk „Unsere Unis“: Deutschland, Österreich, Schweiz

Bundesweiter Bildungsstreik 2009Homepage

Rhein-Zeitung: Proteste in Landau/Mainz/Saarbrücken vom 14.11., 18.11.


b) Uni Koblenz

Rhein-Zeitung vom : 25.11.

Kreis-Anzeiger vom 25.11.

Interview zum Zustand im Audimax

c) solidarische Grüsse -andere Unis

Uni Landau- Blog

Uni Bonn- Blog; Twitter; Live-Stream

2 Kommentare

Eingeordnet unter über...., Nacht, Tag

Sonne im Herbst

 

 

„Mut, Mut, Mut- immer nur Mut“

-Friedrich Wolf-

hunsrücksonne

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Eingeordnet unter Gedankengut, Tag

btw09-die Vierte

18:00 bis 18:16 h

-ARD streamt live mit Kommentar-Möglichkeit: ARD

– DVU raus aus Brandenburg, FDP gestärkter

– BILD: hat Twitter wieder erste Ergebnisse veröffentlicht?, hier

-Roman Polanski in California verhaftet, hier

– 18:16 erste Hochrechnung: 6 % Sonstige, davon 2% Pfür die Piraten, ansonsten: historische Rekorde und Tiefe, tagesschau


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Eingeordnet unter über...., Tag

Schock-Attacke

Stadtbibliotheken im multimedialen Zeitalter habe es gewiss schwer mit den Neukunden.  Das Medium „Buch“ aus der Institution „Bücherei“ zu bewerben, ist ein schweres Unterfangen. Bücherbus und Bücherwurm als Zugpferde der Werbevokabel haben gewiss ausgedient.

Was hilft?- Das blanke Entsetzen!

schockdeineeltern

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Eingeordnet unter Ein Foto und seine Geschichte, Presse-Show, Tag

Wir Pendler vom Bahnhof Neuwied

Ein Raunen geht durch die Menge der wartenden Pendler der Stadt.Lang ersehnt, und endlich fertig: der Umbau des  Bahnhofvorplatz Neuwied ist abgeschlossen.

Was am 25.7. mit denm Anrücken der Bagger begann, unsd im Laufe der Zeit Anwohnern, Pendlern, Besuchern der Stadt an manchen Tagen Kopfschmerzen bereitete, ist abgeschlossen- der Umbau des Bahnhofsvorplatzes.Der Vorplatz wohlgemerkt ist umgebaut, nicht die Bahnhofshalle. Eine Bildertrilogie.

Abriss

Vorgeschmack

…fertig

Offizielle Einweihung ist am 24.10., schreibt die Pressemitteilung der Stadt. Bis dahin soll es auch wieder ein Kiosk mit WC am Bahnhof geben(dass man das noch erleben darf…? )

Der morgendliche Wartezeit überbrückende  Coffee-to-go, da der Zug Verspätung hat wäre gerettet…

Indes: die Schalter der DB sollen schliessen, munkelt man. Kollege Automat bleibt.

-wird fortgesetzt-

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Eingeordnet unter über...., Ein Foto und seine Geschichte, Tag

Der halve Hahn

– eine kölsche Geschichte von Wordfisher –

(via dw-world.de)

Gegen den Hunger ihrer Gäste bieten Bahnhöfe landauf- landab neben fastfood Angeboten auch regionale Spezialitäten.
Für Liebhaber des Käsebrötchens hier ein besonderer, „von ganz Oben“ abgesegneter Tipp:der Käseladen  in der Kölner Markthalle des Bahnhofs. Hier bekommt man nämlich nicht irgendein Käsebrötchen. Hier bekommt man einen „halve Hahn“.
Und weil der Kölner an sich ja gerne mit Hätz(Herz) erzählt, gibts die Geschichte des „halven Hahns“ noch gratis dazu, inklusive Eigenwerbung.
Während der Zubereitung, erzählt der Verkäufer, nur einmal Luft holend munter drauf los.Kundenbindung:

„Mittelalter Gouda ist wichtig.Ist es junger Gouda ist es kein halver Hahn mehr.Roggenbrötchen auch. Dat Röggelsche.

Butter erst recht, um Gottes Willen keine Margarine.Senf, eine Gurke und Zwiebeln.
Ein Gast hat früher mal nem Köbes( Wirt), der ihm ein ganzes Brötchen servieren wollte gesagt:  „Äver isch will doch nur ne halve han“. Das war die Geburtsstunde.“.

(via Superbass, freie Lizenz CC BY SA 3.0)

Der Verkäufer lacht lauthals, verpackt das gefertigte Stück Kulturgut, nennt den Preis, ich zahle.
Das Geheimnis zum Schluß. Über die Theke gebeugt verrät der Verkäufer:
„Wissen Sie, wir haben da einen Bäcker an der Hand, der backt noch mit guter Butter, und Teig aus Deutschland. Eben nicht aus Georgien!“                              Luftholen, dann der Höhepunkt:
„Und der hat sogar den Papst beim Besuch in Köln mit Kuchen beliefert!!“

Na dann, bei so viel himmlischen Beistand- gesegnete Mahlzeit!

Samba Köln – präsentiert übrigens das traditionelle  Gedicht zum Gericht- unbedingt lesen !

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